OUTWARDS / Isle Portraits

Die konzeptionellen Fotoarbeit wurde auf einer kleinen autolose Insel vor Sizilien umgesetzt. Susanne Brodhage wählt die Insel als „Anderen Ort“ und gleichzeitige als Begegnung mit dem weiten offenen Raum. Alle Porträts wurden auf den flachen Dächern der Häuser aufgenommen, die über die ganze Insel verstreut in unterschiedlichen Höhenlagen gelegen sind. Anhand äußerlicher Merkmale finden sich schließlich Paare aus der Gesamtheit der Bewohner. Sie sind an ihren jeweiligen Horizontlinien zueinander ausgerichtet. 

Um auf eine Insel zu gelangen, muß zuallererst ihre faktische Trennung vom Festland überwunden werden. Dieser Abstand macht den Unterschied; es ist das Wasser, das Meer, das die Insel ganz umschließt. Das Leben in der Distanz gegenüber dem Festland, führt zu einer gewissen Identität, einer besonderen Nähe nach Innen, die vom Leben auf ihrem begrenzten Raum noch verstärkt wird.
Der Ankommende wird zwangsläufig der Erfahrung eines abrupten Einschnitts durch diese Isolation ausgesetzt, einer Freisetzung, die mit einem erhöhten Grad an Bewusstheit einher gehen kann. Zuallererst in der Deutlichkeit und Präsenz, mit der alle Dinge wahrgenommen werden. 

In unserer kulturellen Vorstellungswelt gibt es eine lange Tradition in Inseln existenzielle Metaphern zu sehen; „Reif für die Insel“. Aber auch für unterschiedlichste individuelle Sehnsüchte sind sie bis in die Gegenwart Gegenwelt und Spiegelfolie eines Lebens geblieben, das sich anders imaginiert. Vor allem aber scheint unter den menschlichen Bedingung des globalen Existierens das Alleinsein mit besonderer Prägnanz zum Ausdruck zu kommen.

Der Schriftsteller und wichtigster Begründer der „humanistischen Geographie“ Yi-Fun Tuan, schlägt in seinem Buch „Space and Place“ vor: dass Ort Sicherheit und Raum Freiheit ist. Wir hängen an dem einen und sehnen uns nach dem anderen. Und weiter: Die Ideen „Raum“ und „Ort“ bedürfen einander in der Definition. Von der Sicherheit und Stabilität des Ortes aus sind wir uns der Offenheit, Freiheit durch den Raum bewusst und umgekehrt. Der offene Raum suggeriert die Zukunft und lädt zum Handeln ein. Auf der negative Seite ist er eine Bedrohung. Eine Wurzelbedeutung des Wortes „schlecht“ ist „offen“.
Offen und frei zu sein heißt exponiert und verletzlich zu sein. Dies führt zu dem Schluß, das Menschen auf Grund ihrer verschiedene Arten der Erfahrungen ihre Lebenswelt als Bilder komplexer – oft ambivalenter – Gefühle interpretieren.

Die Konzeption von OUTWARDS/ Isle Portraits gibt einen sicheren Ort vor und eine Haltung, die Betrachter und Fotograf einnehmen. Sie sind Augenzeuge und Teilnehmer zugleich eines Prozesses, der die Porträtierten verwandelt, rückverwandelt in Individuen, aus der Masse herausgelöst, und sie in einen Dialog zwischen Naturraum und Zivilisation eintreten läßt.



English Version


OUTWARDS / Isle Portraits

The conceptual photographic work was realized on a small carless island off Sicily. Susanne Brodhage chooses the island as an „other place“ and at the same time as an encounter with the wide open space. All portraits were taken on the flat roofs of the houses, which are scattered all over the island at different altitudes. On the basis of external characteristics, pairs are finally found from the entirety of the residents. They are aligned with each other on their respective horizon lines.

To get to an island, first of all its factual separation from the mainland must be overcome. This distance makes the difference; it is the water, the sea, that completely encloses the island. Living at a distance from the mainland, leads to a certain identity, a special closeness to the interior, which is reinforced by living in its limited space. The arriviste is inevitably exposed to the experience of an abrupt cut through this isolation, a release that can be accompanied by a heightened level of awareness. First of all in the distinctness and presence with which all things are perceived.

In our cultural imagination there is a long tradition of seeing existential metaphors in islands; „Ripe for the island“. But also for the most diverse individual longings they have remained until the present counterworld and mirror foil of a life that imagines itself differently. Above all, however, under the human condition of global existence, loneliness seems to be expressed with particular conciseness.

The writer and most important founder of „humanistic geography“ Yi-Fun Tuan, suggests in his book „Space and Place“: that place is security and space is freedom. We are attached to one and long for the other. And further, the ideas of „space“ and „place“ require each other in definition. From the security and stability of place, we are aware of openness, freedom through space and vice versa. The open space suggests the future and invites action. On the negative side, it is a threat. A root meaning of the word „bad“ is „open.“ To be open and free is to be exposed and vulnerable. This leads to the conclusion that people, based on their different kinds of experiences, interpret their life world as pictures of complex – often ambivalent – feelings.

The conception of OUTWARDS/ Isle Portraits provides a safe place and an attitude that viewer and photographer assume. They are eyewitnesses and participants at the same time of a process that transforms the portrayed, transforms them back into individuals, detaches them from the masses, and lets them enter into a dialogue between natural space and civilization.




Susanne Brodhage: Outwards

XX Seiten, XXX Abbildungen
2022, Eigenverlag
Mit einem Essay von xyzxyzxy- zezhvjdlhjfldhjldhgj

Fahrt in die Berge

ScreenShotblind

Isola

Der Titel der Arbeit ist das lateinische Wort für Insel. Seine geografische Bedeutung ist ein vollständig von Wasser umgebenes Stück Land, das nicht als Kontinent gilt, und im übertragenen Sinn ist es ein abgegrenzter Bereich. 

Susanne Brodhage setzt sich in ihrer Arbeit ISOLA mit der gänzlichen Ganzheit eines Lebensraums und seiner prozesshaften Übersetzung in ein Bild auseinander. Bei der Umrundung im Boot nimmt sie eine Abwicklung, ein fotografisches Abtasten der einzigen möglichen Raumgrenze auf. Vier montierte Vorder- mit den jeweils genau gegenüber liegenden Rückansichten, über Kopf gestürzt, werden anschließend digital zusammengefügt. 

Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und zur Hälfte völlig unzugänglich, nicht bewohnbar. Vor allem aber ihre Kleinheit und der relativ weite Abstand zum Festland bewirken, das sie nicht vollumfänglich angebunden ist. Es gibt auf ihr weder Straßen noch Autos, was ein Überschwappen, eine stärkere Vereinnahmung durch die Zivilisation vom Festland verhindert hat. Sie ist in gewisser Weise nicht anschlussfähig, sozusagen ausgeschlossen. Dies verleiht ihrer Abtrennung vom Festland einen ganz anderen Stellenwert, es ist das Grundthema ihrer Bewohner. Ein andauerndes Ereignis, das eine ganz andere Form und Ausrichtung, auch eine andere Zeiteinteilung bewirkt. Dazu gehört die Gleichgültigkeit jeder An- und Abreise, jedem Auftauchen und Verschwinden in ihrem Lebensraum gegenüber.

In ihrer Arbeit kehrt Brodhage die normale Perspektive um. In den Bildern ist der Horizont, der sonst auf der Insel in alle Richtungen das Blickfeld trennt und auf dem sich tagtäglich Schiffe, Fähren, Boote abzeichnen, die Wasser, Nahrung, und Touristen bringen, auf eine Achse reduziert. Zur Konzeption gehört noch ein weiteres abstraktes Verfahren, bei dem über die Karte der Insel vier imaginierte Achsen gelegt werden. Sie liefern an ihren Schnittpunkten mit der Küstenlinie die Auswahl der acht Ansichten.

Die bildliche Darstellung war ursprünglich einmal diejenige Praktik, die Karten hervorgebracht hat. Expeditionen zur See wurden unternommen mit dem Ziel unbekannte Küstenverläufe zu entdecken und zu erforschen. Zeichnungen wurden dabei als Grundlage angefertigt. Doch die Karten setzten sich später mehr und mehr gegenüber den Abbildungen durch. Heute greifen wir ganz selbstverständlich auf Satellitenaufnahmen zu, die uns die Umrisse aller Kontinente und jeder Insel lückenlos projizieren. Das geografische System der Karte schafft eine totale Verfügbarkeit. Ihre unersättliche Eigenart des Alles auf einmal scheint getrieben von einem unstillbares Verlangen nach der ganze Welt. Dabei gerät die Art des In-der-Welt seins mehr und mehr in Vergessenheit. 

ISOLA erzählt von einem eigenwilligen Ort der Existenz. Die felsigen Umrisse, die wir auf den Aufnahmen sehen, zeichnen einen unnachgiebigen Rand des Lebens selbst ab. Hier ist das Ganze eine kleine Welt ohne ein Mehr.



English Version


Isola

The title of the work is the Latin word for island. Its geographical meaning is a piece of land completely surrounded by water, which is not considered a continent, and in a figurative sense it is a demarcated area. 

In her work ISOLA, Susanne Brodhage deals with the wholeness of a habitat and its processual translation into an image. While circumnavigating in a boat, she records an unwinding, a photographic scanning of the only possible spatial boundary. Four mounted front views, each with the back views exactly opposite, overturned overhead, are then digitally stitched together. 

The island is of volcanic origin and half of it is completely inaccessible, not inhabitable. Above all, however, its smallness and the relatively wide distance to the mainland mean that it is not fully connected. There are neither roads nor cars on it, which has prevented it from spilling over, from being taken over more by civilization from the mainland. In a sense, it is not connectable, excluded, so to speak. This gives its separation from the mainland a very different significance, it is the basic theme of its inhabitants. It is an ongoing event that brings about a completely different form and orientation, also a different division of time. This includes the indifference to every arrival and departure, to every appearance and disappearance in their habitat.

In her work, Brodhage reverses the normal perspective. In the pictures, the horizon, which otherwise separates the field of vision in all directions on the island and on which ships, ferries, boats bringing water, food, and tourists appear every day, is reduced to an axis. The conception includes another abstract procedure, in which four imagined axes are placed over the map of the island. At their intersections with the coastline, they provide the selection of the eight views.

Pictorial representation was once originally the practice that produced maps. Expeditions to the sea were undertaken with the aim of discovering and exploring unknown coastlines. Drawings were made as a basis. Later, however, maps became more and more popular than illustrations. Today, we access satellite images as a matter of course, which project the outlines of all continents and every island without any gaps. The geographic system of the map creates total availability. Its insatiable nature of everything at once seems to be driven by an insatiable desire for the whole world. At the same time, the way of being in the world is more and more forgotten. 

ISOLA tells of an idiosyncratic place of existence. The rocky outlines we see in the photographs trace an unyielding edge of life itself. Here the whole is a small world without a more.




Fjord

Mit ihrer Arbeit FJORD erarbeitet Susanne Brodhage einen Übersetzungsprozess von Landschaft ins Bild und macht ihn als Bestandteil der ästhetischen Erfahrung von Fotografie sichtbar. Ihre Aufnahmen sind das Resultat eines Aufzeichnungs- und Abmischungs-Prozesses. 

Ein Residence-Stipendium führt Susanne Brodhage 2009 nach Island in eine kleinen Stadt, die am Endpunkt eines sich weit ins Landesinnere erstreckenden Fjords gelegen ist. Die mächtigen Bergketten seiner Ufer bilden den festen Bestandteil dieses Lebensraums. Jeder Blick aus dem Fenster ist ein Bild, eine Ansicht der Berge. Ein erster und ungewohnter Eindruck auch für den ankommenden Reisenden. Unwillkürlich bekommt schon auf dieser Ebene die Umgebung eine gewisse Handlungsmacht, sie drückt sich ins Bewusstsein, hinterläßt einen Ein- oder Abdruck. 

In den Begegnungen mit den Einheimischen entfaltet sich in ihren Erzählungen ein Sprechen zwischen Individuum und dem hier in übergangsloser Nachbarschaft umgebenden Landschaftsraum. Er entzieht sich der einfachen Kontrolle durch die Einwohner. Auf diesen widerspenstigen Aspekte hat der Mensch seit jeher mit Emotionen reagiert, auch wenn heute insbesondere durch die Erfahrungen globaler Mobilität die Reaktionen weniger stark sind. Es bleibt aber doch ein ästhetisches Element in der Einstellung zur Natur, ein beständiger Dialog als könnte aus dieser Richtung eine Antwort oder auch nur ein Oberton zum Leben kommen. 

Ein Foto scheint nicht adäquat um etwas hiervon zu beleuchten. Andererseits könnten Bilder, die täglich gesehen werden, die den Alltag begleiten, so etwas wie Geräusche und Töne im Hintergrund sein. Verglichen mit dem Sehen ist das Hören auch unkonzentriert und passiv. Geräusche werden auch ohne Kontext gehört. Im musikalischen und akustischen Bereich ist der Begriff der Aufzeichnung ganz selbstverständlich. Musik kann Splitter und Teile der Realität aufzeichnen und sie zum klingen bringen. Susanne Brodhage entscheidet sich für eine Art der fotografischen Aufzeichnung. Das ist in der Fotografie gewissermaßen eine abstrakte Handhabung ihrer Mittel unter Ausschluss einer Menge anderer Möglichkeiten. 
Auf mehreren Wanderungen nimmt sie das gesamte achtzehn Kilometer lange Fjord Ufer in paralleler Aufsicht vom gegenüberliegenden Ufer aus auf. Das fotografische Ausgangsmaterial sind schließlich zwei Abwicklungen bei unterschiedlichen Witterungsverhältnissen, die anschließend digital zusammenmontiert werden. Teilstrecken aus diesen beiden montierten Panoramen werden heraus gesampelt und neu abgemischt. Dabei werden sie entweder gestaucht oder gedehnt. Es ist ein Pulsieren zwischen einem Zusammeziehen und Weiten der Längen. 

Die Bilder der Arbeit FJORD erfahren durch ihren Entstehungsprozess eine zeitliche und räumliche Loslösung aus dem originalen Kontext, verlieren aber nicht den Bezug zu ihrer Vorlage, es entstehen gewissermaßen Variationen. Der Betrachter erfährt zuerst eine Irritation und wird dadurch angeregt die Verschiebungen und Differenzen genauer wahrzunehmen. Derart intensiviert sich seine Beziehung noch zum Werkgegenstand, es kommt auch hier wiederum zu einer wechselseitigen Beobachtung.



English Version


FJORD

With her work FJORD Susanne Brodhage elaborates a translation process of landscape into image and makes it visible as part of the aesthetic experience of photography. Her photographs are the result of a recording and mixing process.

In 2009, a residency fellowship took Susanne Brodhage to Iceland, to a small town located at the endpoint of a fjord that stretches far inland. The mighty mountain ranges of its shores form an integral part of this habitat. Every glance out the window is a picture, a view of the mountains. A first and unfamiliar impression also for the arriving traveler. Involuntarily, already at this level, the environment acquires a certain power of action, it presses itself into the consciousness, leaves an impression or imprint.

In the encounters with the locals, a speech unfolds in their narratives between the individual and the landscape space that surrounds him here in a transitionless neighborhood. It eludes simple control by the inhabitants. Humans have always reacted to this unruly aspect with emotion, even if today, especially through the experience of global mobility, the reactions are less strong. However, there remains an aesthetic element in the attitude towards nature, a constant dialogue as if from this direction a response or even an overtone could come to life.

A photograph does not seem adequate to illuminate any of this. On the other hand, images that are seen daily, that accompany everyday life, could be something like sounds and tones in the background. Compared to seeing, hearing is also unfocused and passive. Sounds are heard even without context. In the musical and acoustic realm, the concept of recording is quite natural. Music can record splinters and parts of reality and make them sound. Susanne Brodhage opts for a kind of photographic recording. In photography this is, in a way, an abstract handling of her means to the exclusion of a lot of other possibilities.
On several hikes she records the entire eighteen kilometer long fjord shore in parallel view from the opposite shore. The photographic source material is finally two unwindings in different weather conditions, which are subsequently digitally mounted together. Partial sections from these two mounted panoramas are sampled out and remixed. In the process, they are either compressed or stretched. It is a pulsation between a contraction and widening of the lengths.

The images of the work FJORD experience a temporal and spatial detachment from the original context through their process of creation, but they do not lose the reference to their original, variations emerge, as it were. The viewer first experiences an irritation and is thereby stimulated to perceive the shifts and differences more precisely. In this way, his relationship to the object of the work intensifies; here, too, a reciprocal observation takes place.




Circum

Ein Artist-in-Residence-Stipendium führt Susanne Brodhage im Jahr 2009 nach Island und sie kehrt mehrmals dorthin zurück. Die Arbeit CIRCUM vereint Fotografien von Landschaftsausschnitten, entlang der Ring­straße, die am äusseren Rand um die Insel herum führt, aufgenommen. Es sind Landschaften, die von den zahlreichen Touristen vielleicht nur flüchtig aus dem Autofenster gesehen werden – auf den ersten Blick unspektakulär – bei näherer Betrachtung von ganz eigener Intensität. Susanne Brodhage ist in ­kleinen Etappen einer Grenze gefolgt, von der aus in Island der Blick immer wieder in einen unbewohnten Raum der Natur hinüber geworfen werden kann.  

Schwarze unwirtliche Felsen, die auf hellen mit Flechten bewachsenen Flächen liegen. Eine abschmelzende Gletscherzunge vor dunklem Bergmassiv. Surreal erscheinende Sandebenen und tiefe Krater. Das Auftauchen von Menschen scheint sich in diese Landschaften nicht so ganz einzufügen. Sie erscheinen hier als Farbtupfer, wie formales Beiwerk, ebenso wie Spuren menschlichen Wirkens: ein skulpturales Denkmal auf einer Passhöhe, ein Aufforstungsversuch oder ein Bolzplatz.

Bei jeder Pause, mit jedem Innehalten erstrecken sich neue Umgebungen ringsherum. Doch Susanne Brodhage geht es nicht um Bilder von allgemeinen Szenen. Sie spürt sehr achtsam dem flüchtigen Interesse ihrer Augen nach, die die Umgebung abtasten immer auf der Suche nach Punkten der Ruhe, Landmarken oder Merkmalen am Horizont. Sie konzentriert sich auf diese bestimmten Objekte, an denen die Augen vielleicht auch nur ganz kurz hängen bleiben. Diese Haltepunkte verleihen der Beliebigkeit des Ausschnitts eine Ordnung. Jeder Ort ist eine momentane Konstellation von festen Punkten. Die Aufnahmen sind Beschreibungen einzelner Wegstrecken.  

Durch sehr sorgfältige Bildkomposition wird starke Schichtung in die Tiefe vermieden, die Horizontlinie ist immer wieder weit nach oben verlegt. Die gleichzeitige Erfahrung von Nähe und Ferne regt den Betrachter an aktiv mit ­seinen Augen wiederum die Oberflächen der Bilder abzutasten. Details sind zu erforschen, die über Beschaffenheit und Dimen­sionierung Aufschluss geben könnten. Dabei wird deutlich, das ein „Davor„ und ein „Danach“ im Bild unsichtbar bleibt. Der Rest der Realität muß vom Betrachter sozusagen erst erkannt werden.

In der Landschaft, wie wir sie gewohnt sind, lässt das Vergehen und Wiederentstehen durch die vier Jahreszeiten die Natur unveränderlich ­erscheinen, keine klare Geschichte ist darin zu erkennen. Island ist in der Mitte größtenteils von Gletschergebieten und steinigen Wüsten bedeckt und die sehr kurze Wachstumsperiode führt hier auch zu keiner nennenswerten höheren Vegetation. Das Gebiet ist nicht kultivierbar. Dagegen zeigen sich Zeichen von entstehungsgeschichtlichen Ereignissen, Erosions­prozessen und die Transformationen in jüngster Zeit deutlich in den offen daliegenden Forma­tionen und Strukturen der Oberflächen.

Die Aufnahmen der Arbeit CIRCUM sind Ausschnitte, sie beziehen sich aber auf einen allumfassenden Erlebnisraum – es ist eben dieser Grenzbereich zwischen dem Kulturraum des Menschen und einem Raum der ­Natur. Ihr erzählerisches Moment wird ursächlich durch verschiedene Bewegungen erzeugt. Bewegung, die fließend Räume in Orte und Orte in Räume verwandelt. In diesem Sinne ist CIRCUM auch eine Reflexion der Künstlerin über eine universelle Erfahrung mit der wir Realität erkennen und ­kon­struieren. Sie regt dazu an den ihr zugrunde ­liegenden Bedingungen im Denken weiter nachzugehen, dem Unterschied zwischen Handeln und Sehen.



English Version


CIRCUM

An artist-in-residence fellowship takes Susanne Brodhage to Iceland in 2009 and she returns there several times. The work CIRCUM combines photographs of landscape sections, taken along the ring road that runs around the outer edge of the island. These are landscapes that are perhaps only glimpsed out of the car window by the numerous tourists – unspectacular at first glance – but with an intensity all their own upon closer inspection. Susanne Brodhage has followed in small stages a border, from which in Iceland the view can be thrown over again and again into an uninhabited space of nature.  

Black inhospitable rocks lying on light surfaces overgrown with lichen. A melting glacier tongue in front of a dark mountain massif. Surreal appearing sand plains and deep craters. The appearance of people does not quite seem to fit into these landscapes. They appear here as splashes of color, like formal accessories, as well as traces of human activity: a sculptural monument on a pass summit, an attempt at reforestation, or a soccer field.

With every pause, new environments extend all around. But Susanne Brodhage is not concerned with images of general scenes. She is very attentive to the fleeting interest of her eyes, which scan the surroundings always looking for points of rest, landmarks, or features on the horizon. She concentrates on these particular objects, on which her eyes may linger, even very briefly. These stopping points lend order to the arbitrariness of the cropping. Each location is a momentary constellation of fixed points. The photographs are descriptions of individual routes.  

Through very careful image composition, strong layering into depth is avoided, the horizon line is repeatedly shifted far upwards. The simultaneous experience of closeness and distance stimulates the viewer to actively scan the surfaces of the images with his eyes. Details are to be explored that could provide information about texture and dimension. Thereby it becomes clear that a „before“ and an „after“ remains invisible in the picture. The rest of reality must first be recognized by the viewer, so to speak.

In the landscape as we are used to it, the passing and re-emergence through the four seasons makes nature appear unchanging, no clear history can be discerned in it. Iceland is mostly covered by glacial areas and stony deserts in the center, and the very short growing season does not result in any significant higher vegetation here either. The area is not cultivable. On the other hand, signs of formation history events, erosion processes and recent transformations are clearly visible in the exposed formations and structures of the surfaces.

The photographs of the work CIRCUM are excerpts, but they refer to an all-encompassing space of experience – it is precisely this border area between the cultural space of man and a space of nature. Their narrative moment is causally generated by various movements. Movement that fluidly transforms spaces into places and places into spaces. In this sense CIRCUM is also a reflection of the artist on a universal experience with which we recognize and construct reality. It encourages further investigation of the underlying conditions in thinking, the difference between acting and seeing.




ABGELAUFEN

ABGELAUFEN ist eine Bildserie, die in den Jahren 2005 bis 2008 in Berlin entstanden ist. Susanne Brodhage entscheidet sich mit ihrem ersten längeren Aufenthalt zu Fuß kreuz und quer durch die Stadt  zu laufen noch ohne eine verfeinerte Ortskenntnis und verzichtet auf jede Navigation. Sie konzentriert sich mit diesem privilegierten nicht zielgerichteten Blick auf räumliche Ausdehnungen und Qualitäten im Zusammenspiel aus Architekturen, Fassaden, Objekten und Benutzern. 
Vor einem fast weissen erregungsfreien Himmel fotografiert sie den dreidimensionalen Raum, der sich zwischen architektonischen Versatzstücken aufspannt und den Boden und den grauen Himmel als Decke benötigt, um als solcher erkennbar zu werden. Raum, der nicht a priori schon da ist, sondern immer erst entsteht.

Mitte der Nullerjahre war die besondere Situation in Berlin, das mit der Beseitigung der Mauer sich die gesamte räumliche Struktur der Stadt verschob. Riesige Brachflächen, plötzlich in zentraler Lage, wurden zu begehrten Objekten von Investoren und Bauherren. Die Zusammenführung von Ost-und West-Berlin, zweier Millionenstädte mit unterschiedlichster Geschichte wurde weiter vorangetrieben. Dabei blieb im Alltag der Stadtbewohner verborgen wie viele Prozesse, durch wie viele unterschiedliche Akteure gelenkt, tatsächlich gleichzeitig abliefen und auf welche Weise sich dabei die „inneren Bilder“ von der Stadt veränderten oder zum Teil ausgelöscht wurden.

Mit ihrem Blick begegnet Susanne Brodhage diesem Umbau der Stadt. Ihre Aufnahmen erscheinen zunächst beiläufig. Architektur mit Wiedererkennungswert wie der Zoopalast rücken in den Hintergrund, Schinkels Backsteinbau ist an den Rand gerückt, haushohe Großplakate ragen wie zufällig ins Bild oder bestimmen die Aufnahmen, indem sie ganze Gebäude und Baustellen verhüllen. Bei genauer Betrachtung wird sichtbar, in diesem städtischen Aussenraum der Innenstadt kommt Simulation und Illusion zum Einsatz durch „szenografische Techniken“, wie Ereignis- und Zwischen-Architektur und digitale Entwürfe für temporäre und gebaute Fassaden. 

Die detailreichen Farbfotografien offenbaren uns einen künstlichen Raum, der weniger gewachsen sondern hochgradig konstruiert ist, um in erster Linie ein urbanes Erlebnis zu beschwören. Sorgfältig komponiert schließen die Aufnahmen Ränder, Übergänge und Rückseiten von Konstruktionen und Fassadisierungen mit ein. Dadurch werden Zwischenräume sichtbar und das Verhältnis von einem Davor und Dahinter schwingt mit. Die Arbeit ABGELAUFEN dokumentiert nicht einfach „historische Bilder“ der Stadt Berlin, ihre starke Wirkung liegt vielmehr darin, das sie versucht einen Blick hinter die Bilder zu werfen, sozusagen in die Wirklichkeit.



English Version


ABGELAUFEN

ABGELAUFEN is a series of pictures taken in Berlin between 2005 and 2008. Susanne Brodhage decides with her first longer stay on foot to walk criss-cross through the city still without a refined knowledge of the place and renounces any navigation. With this privileged non-targeted gaze, she concentrates on spatial expanses and qualities in the interplay of architectures, facades, objects and users. Against an almost white excitement-free sky, she photographs the three-dimensional space that stretches out between architectural set pieces and needs the ground and the gray sky as a ceiling to become recognizable as such. Space that is not a priori already there, but always emerges.

In the mid-noughties, the special situation in Berlin was that with the removal of the Wall, the entire spatial structure of the city shifted. Huge brownfields, suddenly in central locations, became sought-after properties for investors and developers. The merging of East and West Berlin, two cities with millions of inhabitants and very different histories, continued. In the everyday life of the city’s inhabitants, it remained hidden how many processes, directed by how many different actors, actually took place simultaneously and in what way the „inner images“ of the city changed or were partially erased in the process.

Susanne Brodhage encounters this reconstruction of the city with her gaze. Her photographs appear casual at first. Architecture with recognition value, such as the Zoopalast, recedes into the background, Schinkel’s brick building is pushed to the edge, large house-high posters jut into the picture as if by chance or determine the shots by covering entire buildings and construction sites. A closer look reveals that simulation and illusion are employed in this urban outdoor space of the inner city through „scenographic techniques“ such as event and intermediate architecture and digital designs for temporary and built facades.

The richly detailed color photographs reveal to us an artificial space that is not so much grown as highly constructed, primarily to evoke an urban experience. Carefully composed, the photographs include edges, transitions, and backs of constructions and facades. As a result, interstices become visible and the relationship of a before and behind resonates. The work ABGELAUFEN does not simply document „historical images“ of the city of Berlin, its strong effect lies rather in the fact that it attempts to take a look behind the images, so to speak, into reality.




DOM

LAND