
OUTWARDS
Die Serie Outwards hat Susanne Brodhage an einem geografisch nicht näher festgelegten Ort – einer kleinen Insel, die als steiler Vulkankegel aus dem Meer ragt entwickelt und umgesetzt. Sie unternimmt dort Wanderungen zu den verstreut liegenden Häusern und nutzt die flachen Dächer als rudimentäre Fotostudios. Innerhalb einer bestimmten Zeitspanne entstehen die Porträts aller Personen, die sie jeweils vor Ort antrifft, im Sinne eines Querschnitts durch die spezifische Einwohnerschaft dieses abgelegenen Lebensraums.
In der gleichnamigen Publikation Outwards, die jetzt im DISTANZ Verlag erschienen ist, sind hundert Einzelporträts der anonym bleibenden Männern und Frauen versammelt. Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit dem und der Einzelnen – unterschiedliche Herkunftsländer und verschiedenste biografische Erfahrungen deuten sich an. Susanne Brodhage sortiert die Porträts paarweise, lässt sie allein anhand von Ähnlichkeiten in Bekleidung oder Körperhaltung aufeinandertreffen. Damit stellt sie die Dynamik der Fotografie wieder her, indem sie die Aufmerksamkeit nicht auf ein einzelnes Individuum lenkt, sondern auf das essentielle Anderssein von Individualität. Es ist stets eine andere Figur, die das Selbst als gleichermaßen singulär wie plural offenbart und es im Spannungsfeld zwischen individueller Einzigartigkeit und struktureller Vergleichbarkeit hält.
Das streng wiederholte Aufnahmesetting der Serie macht den Horizont, der weder etwas rein faktisch Gegebenes noch unsichtbar ist zum zentralen und integralen Element der Arbeit. Er erscheint im Hintergrund jeder Aufnahme und dort findet sich auch sonst nichts weiter Markierbares. Die Porträtierten erscheinen für einen Moment von jener Kontinuität entleert, mit der wir üblicherweise Ereignissen und Erzählungen folgen. Outwards lädt dazu ein, das eigene Sehen zum Thema werden zu lassen, und untersucht, was Bilder als Bilder leisten können, wenn wir sie selbst als Ereignisse verstehen.
Im Buch wie auch in der Ausstellung sind die Arbeiten entlang einer durchlaufenden Horizontlinie ausgerichtet und durch sie miteinander verbunden – in gleicher und wie auch variierenden Abfolgen. Das eröffnet einen Raum für potenziell unendlich viele Konstellationen, in denen sich das spezifische Individuum in einem komplexen Beziehungsgeflecht wiederfinden kann. Die sequenzielle Reihung verweist auf algorithmische Systematisierungsmethoden und trägt einem Mechanismus Rechnung, dessen Macht heute nicht mehr primär vertikal durch Repräsentation ausgeübt wird, sondern durch eine horizontale Kontrollwirkung Grenzen verschiebt und umformt. Damit läßt sich die künstlerische Strategie von Outwards auch als ein Verfahren der Virtualisierung beschreiben. Diese Virtualisierung erfaßt nicht nur die dargestellten Figuren, sondern auch und gerade den Betrachter und regt nicht zuletzt vor diesem Hintergrund dazu an, Fragen zur zeitgenössischen Form unserer Raumwahrnehmung zu stellen.